
Annalas 138 (2025)
Was hat es sich mit der Frage «Has che morda? – Beisst es dich?» auf sich? Wie würde Cla Bierts Roman «La müdada» klingen, wenn er ein Musikalbum wäre? Wie werden ökologische Themen in der romanischen Literatur verhandelt? Wie werden Einstellungen gegenüber Rumantsch Grischun sprachlich in der Bevölkerung reproduziert? Wie fördert man die Leselust von Jugendlichen und welche Frauen verschafften weiblichen Stimmen Gehör in der Musik Graubündens?
Die aktuelle Ausgabe des Jahrbuchs Annalas – Nr. 138 der von der Societad Retorumantscha herausgegebenen Reihe – enthält eine breite Palette von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Artikeln zur bündnerromanischen Sprache und Kultur.
Inhaltsverzeichnis
1. Linguatg
Auf der Internetseite annalas.ch werden erstmals vier bündnerromanische Tonaufnahmen von 1924 veröffentlicht, die Wilhelm Doegen, Leiter der Lautabteilung an der Preussischen Staatsbibliothek zu Berlin, in Zürich aufgezeichnet hat. Dieser Artikel dient als Begleitpublikation und bietet mit einer Übertragung ins jeweilige Idiom der Sprecher (Vallader, Surmiran, Sursilvan), einer deutschen Übersetzung sowie einer phonetischen Transkription im Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA) einen dreifachen Zugang zu diesen historischen Aufnahmen aus dem Bestand des Phonogrammarchivs der Universität Zürich.
This article sets out to analyse, according to modern basic linguistic theory, a note worthy but little-discussed syntactic aspect of Romansh grammar. The focus is on its appearance in Sursilvan. The structure in question is a periphrasis that uses an auxiliary verb and subordination to transform the valency and semantic implication of certain clauses. The result is a sentence with a fronted noun phrase holding the semantic role of an experiencer which would otherwise be an oblique object in the corresponding basic clause. This undertaking begins with a syntactic analysis, proceeds to the semantic setup, and concludes with a brief comparative insight. The goal is not just to describe an edge-case phenomenon, but to underline by example the need to describe languages like Romansh beyond older Germanic and Romance prescriptive grammar tradition.
Die Einführung der überregionalen Schriftsprache Rumantsch Grischun als Alphabetisierungssprache in den Jahren 2007–2011 hat für beträchtliche Auseinandersetzungen innerhalb der rätoromanischen Bevölkerung gesorgt. Die Ausweitung des Anwendungsbereichs dieser Einheitssprache hat sowohl zu intensiven Debatten im öffentlichen Diskurs als auch zur Bildung von Vereinigungen verschiedener Stossrichtungen geführt. Ziel dieser Studie ist es, zu eruieren, inwiefern die sprachideologischen Haltungen der Interessengruppen Pro idioms und Pro rumantsch in öffentlichen Spracheinstellungsäusserungen der rätoromanischen Bevölkerung reproduziert werden. Anhand einer Analyse von metasprachlichen Äusserungen in Leserbriefen soll herausgearbeitet werden, wie sich bestimmte Anschauungen im öffentlichen Diskurs verbreiten.
The article focuses on the supra-regional standardisation of Rhaeto-Romance in Switzerland. The creation of Rumantsch Grischun can be seen as a prime example of the standardisation of a minority language. Based on relevant language planning and sociolinguistic literature, the article examines why such a process can trigger so many disputes and tensions. It becomes clear that language standardisation not only affects corpus and status planning, but also linguistic and social hierarchies as well as language ideologies and values of the actors involved.
2. Litteratura
Töne, Klänge und Musik sind im Roman La müdada von Cla Biert von grosser Bedeutung. Das Konzept der Intermedialität bietet sich als Grundgerüst an, um die musikalischen Beschreibungen zu analysieren, die im Kapitel Il bal da gala ihren Höhepunkt finden, nicht zuletzt in einer Annäherung an die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms. Während die Beziehungen zwischen Musik und Literatur theoretisch gut erforscht sind, ist die Ausweitung dieser interdisziplinären Untersuchung auf alle akustischen Phänomene weniger weit fortgeschritten. Das zentrale, vom Musikwissenschaftler R. Murray Schafer geprägte Konzept des Soundscape ermöglicht mit Kategorien wie «Signal» und «Keynote» eine systematische Analyse der akustischen Phänomene in La müdada. Die wesentliche Manifestation dieser beiden Funktionen im Roman sind die Klänge der Glocken und das Geräusch des Flusses Inn.
This article examines how Romansh literature deals with the Anthropocene. Through a close reading of poems and short prose texts by authors such as Flurina Badel, Dumenic Andry, Fadrina Hofmann and Viola Cadruvi, ecological, social and ethical themes are analyzed. The study highlights the key narratives of the Anthropocene – interdependence, catastrophe and transformation – and shows how literature questions nature-culture dualisms, grants agency to non-human actors and offers both dystopian and utopian visions. Although the texts are short, they prove to be powerful tools for thinking about the human impact on the earth.
Gute Jugendliteratur muss junge Leser:innen ernst nehmen – sie darf weder über- noch unterfordern, sondern soll an ihre Lebenswelt und ihre Lesekompetenz anknüpfen. Damit diese Texte ihr Potenzial entfalten können, braucht es jedoch gezielte Förderung: Der Umgang mit Literatur und literarisches Verstehen sind keine Selbstverständlichkeit. Wird dies vernachlässigt, fühlen sich Schüler:innen schnell überfordert, was zu negativen Leseerfahrungen und einem schwachen lesebezogenen Selbstkonzept führen kann. Der Beitrag fasst Kriterien zur Auswahl geeigneter Texte zusammen und diskutiert, wie Literaturunterricht auf der Oberstufe gestaltet werden kann, um Motivation und Lesekompetenz langfristig zu stärken.
Die Anthologie Amur. Poesias 1648–2025 präsentiert rund sechzig, in ihrer Form recht unterschiedliche Gedichte zum Thema «Liebe», geschrieben von Frauen und Männern aus den verschiedenen Bündner Tälern. Das Thema umfasst einen Fächer unterschiedlichster Gefühle, die die Texte miteinander verbinden. Die Liebe zeigt sich als roter Leit-Faden durch die rätoromanische Literaturgeschichte, der sowohl auf die veränderlichen poetischen und sozialen Traditionen verweist als auch auf die über die Generationen andauernde Tendenz zur Idealisierung der Liebe. Mit der ungewohnten und auch experimentellen Kontextualisierung der neu aufgelegten Verse beleuchtet dieser Band Gedichte aus unterschiedlichen Zeiten und ihre Autor:innen von neuem.
3. Istorgia culturala
Das Forschungsprojekt «Frauen in der Bündner Musikkultur» verfolgt das Ziel, im Fahrwasser des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurses zu Musik und Gender eine erste Einsicht in die Rolle und Bedeutung von Frauen in der Bündner Musikgeschichte seit der Frühen Neuzeit und in der aktuellen Musikszene zu bieten. Gefragt wird dabei sowohl nach Berufs- und Lebenswelten einzelner Musikerinnen, als auch nach der sozialgeschichtlichen Realität weiblichen Musikpraktizierens, nach Räumen und Orten für ihr musikkulturelles Handeln. Mittels historischer Quellen und Gespräche (Oral History) wird die männerdominierte Musikgeschichte und Musikhistoriographie um weibliche Perspektiven und alternative Geschichten (Herstory) ergänzt. Dadurch soll eine Wissens- und Forschungslücke geschlossen und eine Grundlage für die Forschung im Bereich Musik und Gender in Graubünden gelegt werden. Das Forschungsprojekt wurde vom Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg) unterstützt und finanziert.


